Die Patientenfänger von Deutschland

thanks to Pixabay Collage: Su Purol

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Collage: Su Purol

Wenn ich die Praxis meines bisherigen Hausarztes betrat, musste ich am Tresen mit Sicherheit mindestens fünf Minuten darauf warten, mein Anliegen zu äußern. Um mir die Zeit zu vertreiben, ließ ich den Blick schweifen und wurde immer wieder aufs Neue mit folgenden Ansichten gegen Langeweile belohnt:

  • Ein Plakat, dass mich dezent darauf hinwies, ich könne die Nächste sein, die einen Schlaganfall erleidet.
  • Diverse Flyer aus umweltfreundlichem Papier mit glücklichen Gesichtern zu den allseits bekannten Themen: „Akustikusneurinome“, „Darmdivertikel“, „Flussblindheit“, „Juvenile Kyphose“,  „Pontiac-Fieber“, „Quincke-Ödeme“, „Zirkumskripte Sklerodermie“ u. v. m.

Hatte ich das breite Angebot erfasst, war ich immer noch nicht dran. Es blieb ein Moment zum Nachdenken.

Oder um eine Zwangsneurose zu entwickeln.

Die anschließende Zeit im (raum-un-gesunden!) Wartezimmer wurde mir dann mit einer Kinovorführung versüßt. Auf einer überdimensionalen Leinwand mit Hinguck-Sucht-Charakter. Wie gebannt verfolgte ich, ob ich wollte oder nicht, 15 Minuten lang, was es alles für Krankheiten gibt, wie die Praxis da helfen kann und dass es nur ein ganz bisschen kostet.

Ich habe mal zusammengerechnet: Nehme ich alle  Vor-, Nach- und Übersorge-Untersuchungen in Anspruch, habe ich nur etwa 999 Euro zahlen. Wenn ich das allergiefreie Starter-Set nehme. Für das umfangreiche Power-Paket de Luxe muss ich natürlich etwas mehr hinblättern, aber das ist schließlich auch sinnvoller/effektiver/tiefgehender und eben umfangreicher.

War der Langlauf-Spot vorbei, wurdest du bei Leibe nicht alleine gelassen. Es ging wieder von vorne los. Das Gute daran war, du hast vergessen, was du eigentlich hast. Quasi eine Spontan-Heilung. Für die aber Ersatz-Krankheiten geliefert wurden.

So gestärkt …

betrat ich das Behandlungszimmer. Und verließ es regelmäßig mit den liebevollen Hinweisen des Doktors, dass ich diese Vorsorge noch nicht gemacht habe, dass die andere Vorsorge jetzt ansteht und die nächste Vorsorge in drei Wochen fällig wäre. Zu Guter Letzt fragte er mich jedes Mal nach meinem Impf-Status und dem meines Sohnes. Dass ich Impfgegnerin  bin (warum und wieso? Dazu im nächsten Thema mehr), weiß er seit Jahren. Das macht aber nichts. Er ist ein gewissenhafter Arzt und bleibt am Ball. Damit mir die Dringlichkeit seiner sozialen Verantwortung bewusst wird, entließ er mich schließlich stets mit einem aufmunternden Satz wie: „Sie wissen, dass Masern bei Ihrem Sohn zu Unfruchtbarkeit führt?“

Aha.

Also sind alle Männer, die einmal Masern gehabt haben, unfruchtbar. Die Drohung in dieser Aussage ist unmissverständlich. Und genau da setzt mein Ärger ein. Der Herr Doktor spielt gezielt mit der Angst. Das Plakat, die Flyer, die Krankheits-Dauerwerbung oder diese provokative Bemerkung – allen gemeinsam ist die Gehirnwäsche. Da wird bewusst das schlechte Gewissen geweckt: „Du sorgst nicht gut für dich.“ „Dein Kind ist dir egal.“ Wer nicht stabil genug ist, kann sich dieser Manipulation kaum entziehen. Und wird der Impfung oder der Vorsorgemaßnahme schließlich zustimmen.

Und wozu das alles?

Ich behaupte mal ganz frech: für den Geldbeutel des Mannes im weißen Kittel. Der verdient sich eine goldene Nase. Die Bundesärztekammer sieht das genauso und mahnt: “Patienten sind keine Kunden und der Arztberuf ist kein Gewerbe.” (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte, §1, Stand 2011)

Interessanterweise werden aber Ärzte und deren Praxis-Team in Seminaren darin geschult, Verkaufsgespräche zu führen. Dass muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Übertragen wir nun solch eine „Weiterbildung“ auf andere Berufssparten, kann ein Gespräch zwischen Lehrer und Eltern(teil) folgendermaßen ablaufen:

„Ihr Kind ist schulisch gefährdet. Ich kann Ihnen da einige Gegenmaßnahmen anbieten: Autoimmunisierung gegen mathematische Aversionen, Betablockierungen von Rechtschreibfehlern und systemisches Einmassieren von chemischen Formeln. Gegen einen geringen Aufpreis. Klar sollte Ihnen sein, dass ihr Sprössling ohne derartige  Hilfe in der Gosse landen wird.“

Alles hat seine Grenzen.

Und nicht jedes medizinische Angebot ist therapeutischer Quark oder Geldschneiderei.  Also gilt es, bei ausreichender Bedenkzeit abzuwägen, was sinnvoll ist für mich und was nicht. Und bloß nicht einschüchtern lassen: Es sind einfach nur Menschen in Weiß. Keine Götter.

 

 

 

 

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